beschallungstechnik


Beschallungstechnik im Palladium Theater Stuttgart

Beschallungstechnik im Palladium Theater Stuttgart

Nach erfolgreichen Produktionen wie „Cats“, „Die Schöne und das Biest“, „Phantom der Oper“ oder „Tanz der Vampire“, ist „Rebecca“ – eine Stage Entertainment Produktion – das inzwischen siebte Musical, das ihm Palladium Theater in Stuttgart aufgeführt wird. Im Wechsel der verschiedenen Produktionen hat sich auch das Akustik und Beschallungskonzept geändert, so dass Rebecca im Dezember vergangenen Jahres mit einem neuen Konzept des Sounddesigners Hendrik Maaßen auf der Basis von APG Lautsprechersystemen an den Start ging. Umgesetzt wurde das Konzept von der Hamburger Amptown System Company (ASC), die eine lange Tradition im Bereich Musicalbeschallung vorweisen kann. Zum Einsatz kamen durchgehend Lautsprechersysteme des französischen Herstellers APG, die von Audio Technica Deutschland, dem deutschen APG-Vertreieb, geliefert wurden. Bei mehreren Ortsterminen hatte die PROSOUND-Redaktion Gelegenheit, mit Hendrik, den Entwicklungsingenieuren von APG und dem Tontechnik-Team des Musicals über Raumakustik, Beschallungskonzept und den damit eng verbundenen Eigenschaften der hier eingesetzten Lautsprecher zu sprechen.

Akustische Randbedingungen

In der Praxis findet man bei Musical-Theatern sowohl akustisch sehr trockene Räume, als auch Häuser, in denen, ähnlich wie bei klassischen Musiktheatern, die gebaute Akustik des Raumes für eine Schallführung sorgt, so dass der Schall von der Bühne und vom Orchestergraben in den Saal transportiert wird.

Diese Situation thematisierten Michel Weber, Sound-Coordinator bei der Stage-Entertainment AG und der über Videokonferenz aus den USA zugeschaltete freischaffende Sounddesigner Kai Harada bei einem Grundlagenvortrag über das Thema Sound Design für Musicals im Rahmen des Stagetec-Seminars im Kloster Banz (siehe Bericht in PROSOUND 6/2011) im Oktober vergangenen Jahres.

Danach hatten diese beiden unterschiedlichen Ausprägungen früher oft ihren Grund darin, dass nicht alle Aufführungsstätten für Musicals gute Konzertoder Opernhäuser waren. Man machte daher nicht selten aus der Not eine Tugend, dämpfte die natürliche Akustik des Saals durch Absorber stark ab und hatte dann die Möglichkeit, sehr flexibel mit Lautsprechern zu arbeiten und auch in raumakustisch weniger befriedigenden Spielstätten auf diese Weise eine auch im Hinblick auf die Tonqualität überzeugende Show abzuliefern.

Dies führt allerdings fast unweigerlich zu einem gewissen „Lautsprecher-Sound“ für die gesamte Aufführung. Dass ist bei Rockkonzerten mit einem typischen Groß-PA-Sound sicher in Ordnung so, zum einen, weil das Publikum diesen speziellen Sound wünscht und erwartet, zum anderen, weil es dort normalerweise keinen direkten klanglichen Bezug auf eine rein akustische Wiedergabe der Instrumente gibt.

Durch das „Entfernen“ der natürlichen, gebauten Akustik wird der Sound Designer eines Musicals allerdings gezwungen, alle akustischen Details mit Lautsprechern und Signalbearbeitung zu erzeugen – das kann durchaus bis zu einer elektronischen Beeinflussung der Raumakustik („Room Enhancement“) mit Erzeugung künstlicher frrüher Reflexione-nen und Nachhallzeitverlängerung gehen. Auf diese Weise kann der apparative Aufwand für den Sound eines Musicals durchaus erheblich werden – der Preis, den man dann für die Flexibilität und die Unabhängigkeit von der natürlichen Raumakustik zu zahlen hat.

Dieses Thema stand auch in unserem Gespräch mit Hendrik Maaßen, dem Sound Designer für die Produktion Rebecca am Stuttgarter Palladium Theater, im Vor-dergund – allerdings gewissermaßen mit umgekehrtem Vorzeichen. Wenn man eine gute Raumakustik in allen klanglich wichtigen und vor allem für eine emotionale Ansprache einflussreichen Details elektronisch nachempfinden will, kann das durchaus damit enden, dass der Investitionsaufwand für das Soundsystem höher ist als für eine gute, gebaute Raumakustik. Man kann das machen, aber es ist nicht unbedingt der wirtschaftlichste Weg.

Wenn man an dieser Stelle aber nicht konsequent arbeitet und den erforderlichen Aufwand dann auch treibt, läuft man Gefahr, dem Musical eine ganz wichtige Komponente zu nehmen: die emotionale Ansprache des Publikums durch Musik und Gesang. Das Musical soll „exciting“ sein, also aufregend, erregend und fesselnd – und das ist eine Eigenschaft, die durch einen flach bzw. zweidimensional wirkenden Sound schnell verloren gehen kann. Das Mittel der Wahl ist dann leider oft – wie bei anderen Tonproduktionen – die Erhöhung der Lautstärke.

Bei früheren Produktionen im Palladium Theater muss es zumindest eine Tendenz in diese Richtung gegeben haben, denn das Ton-Team berichtete im Gespräch von wiederholten Beschwerden von Seiten des Publikums in den frühen Jahren. Zur damaligen Zeit war das Palladium auch eher in der zuvor erwähnten Weise mit stark bedämpfter Akustik betrieben worden.

Bereits im Vorfeld der Musicalproduktion „Rebecca“ hatte man damit begonnen, die starke Absorption im Saal durch Abdecken von Absorbern, beispielsweise an der Rückwand der Balkone, abzumildern.

Hendrik Maaßen verwies in diesem Zusammenhang auf Martin Levan, der seit 1982 für das Sounddesign vieler Musicalproduktionen, wie etwa Cats, Starlight Express, The Phantom of the Opera, Little Shop of Horrors, Carrie und viele andere mehr verantwortlich zeichnete. Hendrik Maaßen hatte bei einer Reihe von Produktionen Gelegenheit, mit Martin Levan zusammenzuarbeiten und von ihm zu lernen.

Das erste Drittel des Saales war immer relativ stark absorbierend gewesen, was zu der ungewöhnlichen Situation geführt hatte, dass man weiter hinten im Saal eine bessere Klangqualität hatte als vorn – wo ja eigentlich die teureren Plätze zu finden sind. Erst mit dem Einbau zusätzlicher reflektierender Bauelemente änderte sich diese Situation. Diese Maßnahmen – Abdecken vorhandener Absorber und Einbau reflektierender Elemente – gaben dem Saal eine natürliche, gebaute Akustik zurück, die natürlich so konzipiert wurde, dass man auch mit Lautsprechern gut darin arbeiten kann.

Der Vorteil von Räumen mit in mehr oder weniger ausgeprägtem Maße vorhandener natürlicher, gebauter Raumakustik ist ein natürliches Klangbild zumindest für das Orchester – Sängerinnen und Sänger werden ja bei Musicals ja in aller Regel mit Mikrofonen abgenommen. An dieser Stelle kann es beschallungstechnisch womöglich etwas kitzlig werden, denn bei einer natürlichen Raumakustik kann die Lautsprecherwiedergabe von Stimmen sehr schnell unnatürlich wirken, wenn man nicht sehr viel Sorgfalt auf das Beschallungskonzept und die Lautsprecherauswahl verwendet.

Dies war, so Sound Designer Hendrik Maaßen, auch im vorliegenden Fall der Musicalproduktion „Rebecca“ der Fall.

Konzeptuelle Ansätze

Es gibt an dieser Stelle, so Hendrick Maaßen, verschiedene Herangehensweisen. Seine Einstellung dazu ist die, dass das Publikum im Saal sich zusammen mit dem Orchester im Graben und den Darstellerinnen und Darstellern auf der Bühne in einem Raum befindet und demzufolge auch akustisch mit ihnen verbunden sein sollte, damit das Publikum nicht das Gefühl hat, in einem Kinosaal zu sitzen.

Wichtig dabei ist, so Maaßen, dass man in Räumen mit guter natürlicher Akustik bestallungstechnisch immer nur mit dem Raum arbeiten und nie versuchen darf, mit den Lautsprechern gegen die vorhandene Raumakustik anzukämpfen bzw. zu versuchen, dem Raum die eigne-nen Klangvorstellungen aufzuzwingen.

Gleichzeitig – und das ist für das Beschallungskonzept und die Lautsprecherauswahl sehr wichtig – sind in einem Raum mit natürlicher Akustik die Zuhörer sehr sensibel gegenüber Klangverfärbungen durch die Lautsprecher, weil der Naturklang von Stimmen und Instrumenten ebenfalls gut hörbar ist.

Beschallungskonzept

Aus diesem Grund realisierte Sounddesigner Hendrik Maaßen ein Musical-Be-schallungskonzept, das sich bereits im Wiener Raimund- und im Ronacher-Theater als tragfähig erwiesen hatte (siehe Bericht in PROSOUND 4/2010).

Die Besschallung erfolgt hier mit Lautsprechersystemen des französischen Herstellers APG, und zwar nach dem sogenannten A/B-Prinzip. Dabei gibt es insgesamt zwei komplette Beschallungswege A und B, wobei ein Teil der Stimmen und Instrumente über den Beschallungsweg A weidergeben werden und der andere Teil über Beschallungsweg B.

Der Grund für diesen Ansatz ist vor allem das Problem, dass es in Musicals bei normalerweise zahlreichen Szenen dazu kommt, dass Sängerinnen und Sänger sich während ihres Gesangs räumlich sehr nahe kommen können (z.B. beimn Duett eines Liebespaars). Bei den in Musicals üblicherweise (sende-)mikrofonab-genommenen Sängerinnen und Sängern führt das dazu, dass das Mikrofon des einen auch die Stimme des anderen aufnimmt und umgekehrt.

Würden die Mikrofonsignale der beteiligten Darsteller im Pult einfach zusammengemischt, wären Kammfiltereffekte und, damit verbunden, unschöne Klangfärbungen (Phasing) die Folge, was damit zusammenhängt, dass bei einer festen Mischung im Pult die Laufzeitdifferenzen zwischen den beteiligten Mikrofonen und mithin auch die entstehenden Kammfilter für alle Zuschauer im Publikum gleich wären.

Gibt man jedoch Sänger 1 über Beschallungsweg A und Sängerin 2 über Beschallungsweg B wieder, werden die Mikrofonsignale nicht im Pult zusammengemischt, sondern über jeweils eigene Lautsprecher wiedergegeben und überlagern sich nur im Schallfeld. Etwaige Phasendifferenzen sind also nicht ortsunabhängig konstant, sondern variieren von Publikumsplatz zu Publikumsplatz. Das wiederum entspricht aber der normalen Hörsituation mit mehreren Schallquellen, weshalb die lästigen Phasingeffekte mit dem A/B-Beschallungskonzept nicht mehr hörbar sind.

Lautsprecherauswahl

Wie in den Wiener Theatern Raimund und Ronacher, so setzte Hendrik Maaßen auch im Stuttgarter Palladium Theater Koaxiallautsprecher sowie das Uniline Line-Array-System von APG ein.

Die Hauptkomponente der Beschallung für das Musical „Rebecca“ im Stuttgarter Palladium ist eine Portalbeschallung aus je zwei Paaren von APG Koaxialsystemen SMX15 links und rechts im Portal. Die SMX15 arbeiten mit einer Bestückung aus 15″-Tiefmitteltonsystem und 1,4″-Treiber, beide mit Neodym-Antrieb. Jedes Paar ist Teil der bereits erwähnten A/B-Beschallung – es gehört also jeweils ein System zum Beschallungsweg A, das andere zum Beschallungsweg B. Die beiden unteren Paare sind zuständig für die Versorgung des Parketts (und zum Teil des 1.Balkons?), die oberen versorgen die oberen Balkone. Da der Saal insgesamt drei Balkone umfaßt, ist die Beschallung mit einem Paar pro Seite nicht möglich. Vier APG DS15S werden in Stuttgart auch.

Effektzuspielungen von der Hinterbühne aus eingesetzt.

Der augenfälligste Aspekt beim Beschallungskonzept für Rebecca ist sicherlich das als doppeltes Line-Array ausgelegte Centersystem. Im Gegensatz zur Portalbeschallung im Wiener Raimund-Theater hatte HendrikMaaßen das Center-System

in Stuttgart als Line-Array ausgelegt, weil die Tiefe des Saales in Stuttgart deutlich größer ist in Wien – das Raimund Theater hat ein eher halbrunden Grundriss. Zudem hat das Palladium-Theater nicht weniger als drei Balkone, so dass auch in der Vertikalen ein sehr großer Bereich versorgt werden musste.

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